Best Practice • Migration • 2015.6

Schulen engagieren sich

Migration trifft Bildungssysteme: Beispiel Bayern

Sozialrecht
Die Sprache als Instrument der Integration: 350 Übergangsklassen wurden an bayerischen Schulen eingerichtet.
Die Sprache als Instrument der Integration: 350 Übergangsklassen wurden an bayerischen Schulen eingerichtet.

Immer mehr Menschen machen sich aus den verschiedensten Ländern Richtung Europa auf. Armut, Krieg und wirtschaftliche Not lassen ihnen anscheinend keine andere Wahl. Unter den Flüchtlingen sind auch viele Kinder und Jugendliche. Bereits über 20.000 schulpflichtige junge Asylbewerber und Flüchtlinge befinden sich derzeit in Bayern. Für Lehrkräfte, Schulen und Schulverwaltung stellt der anhaltende Flüchtlingsstrom eine große Herausforderung dar – mit vielfältigen Chancen.

Große Heterogenität in Klassen mit Flüchtlingen

Die Herausforderungen und Chancen im Unterricht mit jungen Flüchtlingen zeigen sich in den Schilderungen vieler bayerischer Lehrkräfte. Stellvertretend stehen dafür die Beobachtungen an einer Mittelschule in München: 20 Schüler einer 8. Klasse sitzen um eine Tafel, neben der ein Kleiderständer mit unterschiedlichsten Kleidungsstücken steht. Von Rock und Hose, über Hemd und Bluse bis hin zu Stiefeln und Flip-Flops. Die Lehrerin legt kleine Zettel, auf denen die Begriffe der Kleidungsstücke notiert sind, in die Mitte des Sitzkreises. Die Schülerinnen und Schüler heften nacheinander die Begriffe an die jeweiligen Kleidungsstücke. Dabei korrigieren sie sich gegenseitig. Für sie ist die Zuordnung eine schwierige Aufgabe. Die Schüler kommen aus den verschiedensten Ländern der Welt – aus der Ukraine oder aus Syrien, Eritrea, Polen und Vietnam – und sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Die Klasse ist eine von mittlerweile über 350 bayerischen Übergangsklassen. Hier lernen die Schüler vor allem die Grundlagen der deutschen Sprache, um dann am Unterricht in den Regelklassen teilnehmen zu können. Für die Lehrkräfte ist der Unterricht in Übergangsklassen eine anspruchsvolle Aufgabe. Vor allem aufgrund der großen Heterogenität. Die Bandbreite an Schülern geht von echten Analphabeten, die nie in einer Schule waren, bis hin zu Kindern mit gymnasialer Eignung, die zwei, drei Sprachen sprechen, aber eben kein Deutsch.

Junge Menschen bringen viele Schlüsselqualifikationen mit

In der großen Bandbreite liegt aber auch die besondere Chance der Übergangsklassen: Erfahrene Lehrkräfte sagen, dass die jungen Flüchtlinge und Asylbewerber in ihren jungen Jahren oft bereits beeindruckende Persönlichkeiten sind – intellektuell, emotional und sozial weit entwickelt. Sie verfügen zudem bereits über viele Schlüsselqualifikationen wie etwa ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein. Viele von ihnen engagieren sich daher auch schnell innerhalb der Schulgemeinschaft. Und dass sie oft mit großer Bereitschaft lernen, macht auch das Programm „Talent im Land Bayern” sichtbar, das gemeinsam vom bayerischen Bildungsministerium und der Robert-Bosch-Stiftung getragen wird. Es unterstützt junge, besonders begabte Flüchtlinge auf ihrem individuellen Bildungsweg bis hin zum Studium und macht so die herausragenden Potenziale der jungen Menschen sichtbar.

Vielfältige Maßnahmen unterstützen Asylbewerber und Flüchtlinge

Die derzeit mehr als 350 Übergangsklassen sind nur eines der vielen Instrumente zur Integration junger Asylbewerber und Flüchtlinge an den bayerischen Schulen. Das Angebot reicht von Deutschförderkursen bis zu einem Berufsschulangebot. Denn ein guter Start im Bildungswesen ist für gelingende Integration mit entscheidend.

Bayern stellt zur Unterstützung und Sprachförderung der jungen Asylbewerber und Flüchtlinge derzeit insgesamt rund 2.000 Lehrerstellen zur Verfügung. Außerdem ermöglichen rund 1.600 Förderlehrkräfte, dass Kinder und Jugendliche bei entsprechendem Bedarf in kleinen Gruppen u. a. zusätzlich in Deutsch gefördert werden können. Das bayerische Bildungsministerium hatte in den jüngsten Jahren mit Blick auf die Entwicklung der Flüchtlingsströme die Zahl an Lehrerstellen, die insbesondere zum Unterricht für junge Asylbewerber und Flüchtlinge zur Verfügung stehen, erweitert, und so unter anderem die Zahl der Übergangsklassen und der speziellen Berufsschulangebote spürbar anheben können. Die Bildungsangebote werden von einem breiten Fortbildungs- und Informationsangebot für Lehrkräfte aller Schularten begleitet.

Unterstützung vom Vorschulalter bis zur Berufsschule

Konkret umfasst das Angebot der Schulen in Bayern neben den Übergangsklassen folgende Maßnahmen:

  • Bereits für Kinder im Vorschulalter bieten bayerische Kindergärten und Grundschulen auf gemeinsame Initiative von Bildungs- und Sozialministerium Vorkurse zur Sprachförderung an. Kinder mit Migrationshintergrund nehmen dabei an 240 Stunden Sprachförderung durch Erzieherinnen und Lehrkräfte teil.

  • An vielen Grund- und Mittelschulen werden Deutschförderkurse im Umfang von bis zu fünf Wochenstunden ergänzend zum regulären Deutschunterricht angeboten. Die Schüler werden ansonsten regulär im Klassenverband unterrichtet. Das unterstützt die Integration. Derzeit werden so rund 40.000 Kinder und Jugendliche in ihrem Spracherwerb gefördert.

  • Ähnlich ist die Praxis in Deutschförderklassen: Hier werden Schüler in ausgewählten Fächern getrennt von ihrer Stammklasse unterrichtet. In den übrigen Fächern nehmen sie am Unterricht ihrer Stammklasse teil. Der gemeinsame Unterricht dient der Integration. Schüler, die in eine Deutschförderklasse der Jahrgangsstufen 1 bis 7 eintreten, erhalten bis zu zwei Jahre lang eine auf das Erlernen der deutschen Sprache und deren Grundkenntnisse bezogene Förderung. Rund 5.700 Kinder und Jugendliche nehmen dieses Angebot wahr. Deutschförderklassen und -kurse bieten breite Möglichkeiten der Unterstützung und Integration für die Kinder. Die Schüler bleiben im Klassenverband mit den deutschsprachigen Kindern und erfahren durch die längere Verweildauer im sogenannten „Sprachbad” und durch den stetigen Kontakt zu den Mitschülern der eigenen Klasse intensive sprachliche und integrative Impulse.

  • An mittlerweile 80 Standorten in Bayern nehmen rund 4.500 berufsschulpflichtige Flüchtlinge und Asylbewerber in rund 260 Klassen an Berufsschulen an einem zweijährigen Programm teil, bei dem sie Deutschkenntnisse erwerben und sich auf eine Berufsausbildung oder den weiteren schulischen Weg vorbereiten. Dieses Modell wurde von der Flüchtlingsorganisation „Jugendliche ohne Grenzen” im Gespräch mit der Kultusministerkonferenz als beispielgebend für andere Bundesländer genannt.

  • Zudem wurde am bayerischen Bildungsministerium eine Stabsstelle für die schulische Begleitung junger Asylbewerber und Flüchtlinge eingerichtet sowie Ansprechpartner an den Bezirksregierungen benannt. Die Stabsstelle koordiniert das Bildungsangebot für die jungen Menschen und organisiert Maßnahmen, die sich aus der konkreten Situation der Schulen vor Ort ergeben können.

Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die Schulen, vor allem die Grund- und Mittelschulen sowie die Berufsschulen, erbringen derzeit enorme Leistungen, um die jungen Flüchtlinge und Asylbewerber zu begleiten. Sie können die anstehenden Herausforderungen aber nicht alleine meistern. Die Arbeit für die Integration der jungen Menschen ist zweifellos eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hier ist aufgrund des besonderen Fachwissens das gesamte Netz aus Angeboten von Fachstellen wie u. a. der Jugendsozialarbeit, der Gesundheitsämter und der Jugendhilfe gefordert.


Herbert Püls