Medien/IT • Shitstorm • Ausgabe 2015.4

Der Bürgermeister im Shitstorm

Vier Jahre unterwegs auf Facebook mit Boris Palmer

Öffentlicher Dienst/Personal
In viele Facebook-Fettnäpfchen getreten und dabei viel gelernt: der Tübinger Oberbürgermeister.
In viele Facebook-Fettnäpfchen getreten und dabei viel gelernt: der Tübinger Oberbürgermeister.

„Es gilt immer noch das Sprichwort: Jeder Dumme darf wählen. Und selbst der Dümmste wird gewählt. Bleibt nur die Hoffnung, dass Dich bald Gevatter Tod holt?!? Anders wird man solche Zecken wie Dich nicht los?!?”

Im Internet und im Schutz der Anonymität verlieren viel zu viele Zeitgenossen jeglichen Respekt vor anderen Menschen. Die obenstehende Verwünschung erreichte mich im Kontext einer Auseinandersetzung, in der es eigentlich um die Frage ging, ob Versuche an Gehirnen von Menschenaffen ethisch vertretbar sind oder nicht. Viele vermeintliche Tierschützer kamen zu dem erstaunlichen Schluss, dass die Menschenwürde nicht für diejenigen Menschen gelte, die Tierversuche durchführen oder politisch vertreten. Das Thema wurde zum meist diskutierten auf meiner Facebook-Präsenz. Über 10.000 Kommentare von Hunderten von Teilnehmern der Debatte und noch wesentlich mehr Likes für Pro und Contra.

Learning by posting

Wer als Bürgermeister in sozialen Medien auftritt, sollte sich solcher Risiken bewusst sein. Ich gebe zu, ich war das nicht – vom Start weg zahlte ich Lehrgeld. Learning by posting. Erregungswellen kamen fast so sicher über mich wie die Flut über das Watt: Tempo 30-Skandal, Falschparkerfotos, angebliche Verbreitung von Demütigungsvideos, Apfelschorlegate auf der Alb, Mohrenkopfrassismus – die Liste meiner Shitstorms ist lang.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Bernhard Pörksen hat in seinem Buch „Der entfesselte Skandal” als erster beschrieben, was der Verlust der Gatekeeper-Funktion des Journalismus für die öffentliche Debatte bedeutet: Während früher viele Themen in den Redaktionen als unwichtig ausgesiebt wurden, kommen diese heute alle ungefiltert über die sozialen Medien ins Netz. Was dann zum Skandal wird, hängt nicht von geprüften Fakten, der realen Bedeutung des Sachverhaltes oder einer journalistischen Abwägungsentscheidung ab, sondern nur davon, ob und wie stark sich die Meldung verbreitet. So jagen Erregungswellen durch die sozialen Netzwerke, die von niemand kontrollierbar sind und oft von den Urhebern weder beabsichtigt noch vorhergesehen waren. Wenn dann genügend viele Menschen virtuell debattieren, hat sich das Thema verselbständigt und nun werden die klassischen Medien fast schon gezwungen, ebenfalls darüber zu berichten.

Diese Erfahrung habe ich inzwischen mehrfach gemacht. Als in Tübingen ein Konditor ein „Tübinger Mohrenköpfle” auf den Markt brachte, wurde ich auf Facebook aufgefordert, das zu verbieten. Nachdem ich mich weigerte, verbreitete sich der Vorwurf von Rassismus im grünen Tübingen. Die daraus entstehende Debatte schaffte es bis zum Leitartikel der taz. Ein anderes Mal erzählte ich die Geschichte von einem Wirt, der mir nach einer Radtour auf der Alb ein Apfelschore mit den charmanten Worten „Sie kriaget nix, fertig” verweigerte, weil ich mich auf die Terrasse setzen und die Sonne genießen wollte. Die daraus entstehende Erregungswelle schaffte es bis zu einer Meldung in Spiegel Online und auf Platz 2 der Lesehits des entsprechenden Tages.

Einfache Regeln im Umgang mit dem Shitstorm

Das neue Medium bietet neben neuen Möglichkeiten auch viele neue Gefahren. Nach meiner Wiederwahl als Oberbürgermeister von Tübingen analysierte die Lokalzeitung, der Sieg sei mir trotz des wiederholten Tritts ins Wahlkampf-Fettnäpfchen gelungen. Gemeint waren Aktionen auf Facebook.

So hatte ich ungefragt – sicher ein Fehler – ein Foto in einem Geschäft gemacht, das von der Stadt zu einem Club für Jugendliche umgenutzt werden könnte. Ich fragte das Publikum, wer das befürworten würde, und bekam eine überwältigend positive Resonanz. Nur nicht vom Ladeninhaber. Der hatte eine Videokamera in Betrieb und spielte der Tageszeitung Fotos zu, die mich beim Fotografieren im Laden zeigen. Angestrebt hatte ich eine moderne Form der Bürgerbeteiligung, nun stand ich als ertappter Paparazzo in der Kritik.

Im Shitstorm gelten für mich mittlerweile einige einfache Regeln. Erstens muss man sich darauf einstellen, dass er jederzeit unvorhergesehen losbrechen kann. Zweitens darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen: Jeder Shitstorm zieht vorbei. Und drittens muss man uneinsichtige Pöbler und Trolle konsequent blockieren und dies transparent begründen. Dann bricht sich die Welle der Erregung und die Debatte wird kanalisiert.

Warum tut man sich das an?

„Warum sollte man sich das überhaupt antun?” werden Sie nun vielleicht fragen. Nun, es gibt trotz der Risiken und Nebenwirkungen auch große Benefits einer aktiven Präsenz in den sozialen Medien für politische Mandatsträger.

Erstens: Ein schneller Rückkanal. Mittlerweile lesen regelmäßig 12.000 Menschen meine Meldungen. Immer wieder stelle ich kommunalpolitische Themen vor und frage nach einem Meinungsbild. So habe ich innerhalb von sechs Stunden einen recht guten Eindruck, wie diese Community einen Sachverhalt einschätzt. Ein Beispiel: Die Stadtplanung stellte ein neues Design für Informationstafeln in der Stadt vor. Das war in Fachkreisen heftig umstritten. Auf Facebook überwog die Zustimmung mit mehr als 350 Voten die Ablehnung mit etwa 120 Voten bei weitem. Ich entschied, das neue Design weiterzuverfolgen.

Zweitens: Erweiterung des Meinungsspektrums. Für jeden Menschen besteht die Gefahr, die eigene Sicht auf die Welt zu verallgemeinern und sich Bestätigung in den eigenen Kreisen zu suchen. Als OB versucht man das so gut wie möglich zu korrigieren. Facebook kann dabei helfen. Zwar sind die Kommentare dort nicht repräsentativ, aber die Bandbreite der dort vertretenen Meinungen ist erheblich größer als die im Gemeinderat. Fast jeden Tag lese ich etwas und denke mir: So kann man das auch sehen, darauf wäre ich nie gekommen.

Drittens: Jugend als Zielgruppe. Obwohl der Höhepunkt bereits überschritten scheint, kann ich für meine Facebook-Präsenz sagen, dass sie vor allem eine Gruppe erreicht, die ich sonst nicht ansprechen könnte: junge Leute und Studierende. Kommunalpolitik findet klassisch über die Tageszeitung statt. In der Altersgruppe unter 30 hat dieses Medium seine Funktion leider weitgehend eingebüßt. Durch Facebook habe ich wieder Zugang gefunden. Sichtbar wird dies daran, dass Jugendthemen sehr viel mehr Reaktionen erzeugen als in der Tagespresse. Erfreulicherweise scheint sich das sogar auf die Wahlbeteiligung auszuwirken: Bei meiner Wiederwahl als Oberbürgermeister war die Beteiligung in keiner Altersgruppe höher als bei den 16–18-Jährigen. Ein ungewöhnlicher Befund.

Viertens: Bürgernähe und Meckerkasten. Immer mehr Menschen nutzen meine Facebook-Seite, um ein eigenes Thema zur Diskussion zu stellen. So sehe ich, was die Menschen beschäftigt, hin und wieder ist es möglich, Sachverhalte aufzuklären oder Probleme schnell abzustellen.

Fünftens: Ernsthafte Information. Zu meiner freudigen Überraschung kann man in Facebook auch mit sehr ernsthafter Politik viel Zustimmung und Interesse finden. Gut verpackt und interessant aufbereitet, verbreiten sich auf diese Weise politische Informationen sehr viel weiter als nur auf dem klassischen Weg der Tagespresse.

Es lohnt sich!

Nur am Rand erwähnt sei, dass Facebook natürlich auch in Wahlkämpfen wichtig werden kann. Der neue rumänische Staatspräsident verdankt seine Wahl fast allein seiner Community von 1,5 Millionen Lesern auf Facebook. Auch in meinem Wahlkampf spielte das Verhältnis von 30:1 bei den Facebook-Lesern im Vergleich zu meiner Gegenkandidatin eine nicht unerhebliche Rolle. Am Rande erwähne ich das, weil soziale Medien nicht nur im Wahlkampf entdeckt und dann wieder vergessen werden sollten.

Mein Resümee nach vier Jahren: Ich habe mich viel geärgert und viel gelernt, aber es hat sich gelohnt. Der Zeitaufwand ist erheblich, zwischen zehn und dreißig Minuten pro Tag, in Ausnahmefällen auch mal eine Stunde. Es bleibt weniger Zeit für andere Tätigkeiten. Im Amt des Bürgermeisters ist aber die Hälfte der Arbeit sowieso Kommunikation. Diese verlagert sich teilweise von der realen Welt ins Internet – so wie in vielen Lebensbereichen. Sich dem zu verweigern heißt einen Teil der Bevölkerung von der Teilnahme an der kommunalen Demokratie auszuschließen. Ein Recht auf Partizipation haben aber alle, ob sie nun Facebook oder Tagblatt nutzen.

Hinweis der Redaktion: Mit einem fulminanten Auftritt zu diesem Thema begeisterte Boris Palmer am 5. März 2015 auf dem Fachkongress Kommun@l-online – Social Media in Kommunen in Rheinau-Linx (siehe Veranstaltungsbericht in dieser Ausgabe auf S. 37).


Boris Palmer