Best Practice • Fairtrade • 2011.6

Immer schön fair bleiben!

Nachhaltige Beschaffung in Heidelberg


Die Verwaltung der Stadt Heidelberg geht in Sachen Nachhaltigkeit mit gutem Beispiel voran und nimmt ihre Vorreiter- und Vorbildfunktion aktiv wahr. So setzt die Stadtverwaltung Standards im städtischen Beschaffungswesen.

Heidelberg hat im Stadtentwicklungsplan 2015 die Ziele für die nächsten Jahre festgelegt. Eines der Querschnittsziele ist es, "die Kommunale Entwicklungsarbeit zu unterstützen und globale Verantwortung zu leben". Eine Möglichkeit hierfür bietet die Förderung von fair gehandelten Produkten, die eine sozial, ökonomisch und ökologisch wertvolle Alternative zu Produkten aus ausbeuterischer Arbeit darstellen.

Entscheidung per Gemeinderat

In einem Gemeinderatsbeschluss legte Heidelberg bereits im Jahr 2007 fest, dass die Stadt beim Einkauf von Kaffee, Tee, Fruchtsäften, Kakao, kakaohaltigen Produkten, Schnittblumen, Spielen, Bastelbedarf, Stiften, Sportbällen, Dienst- und Schutzkleidung und seit 2010 auch Natursteine aus fairem Handel zu bevorzugen hat. Zudem sind laut Beschluss Produkte aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika, bei denen nicht ersichtlich ist, ob sie die Standards des freien Handelns erfüllen, zu vermeiden.

Außerdem sollen möglichst viele Produkte aus ökologischem Anbau bzw. aus regionaler Produktion verwendet werden. Mit dem Heidelberger Partnerschaftskaffee kann die Stadt zudem auf einen eigenen fairen Kaffee zurückgreifen.

Soziale Kriterien bei Ausschreibungen

Erst mit der Änderung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (§ 97) wurde im Jahr 2008 die Möglichkeit geschaffen, auch bei Ausschreibungen soziale Aspekte als zusätzliche Bedingungen für die Ausführung von Aufträgen zu fordern. Nun können öffentliche Auftraggeber wie zum Beispiel Städte explizit soziale und ökologische Kriterien, zum Beispiel das Verbot ausbeuterischer Kinderarbeit, für die Ausführung öffentlicher Aufträge vorgeben.

Zur Umsetzung des Beschlusses des Heidelberger Gemeinderates führte das Agenda-Büro der Stadt Heidelberg unter anderem in Kooperation mit dem Forum für internationale Entwicklung und Planung (FINEP) eine Reihe von Workshops für Mitarbeiter/-innen durch, die im städtischen Beschaffungswesen arbeiten. Die externen Referenten informierten dabei über Rechtslage, Zertifizierung und technische Spezifikation sozial gesiegelter Natursteinprodukte. Weiterhin finden kontinuierlich Gespräche zum Erfahrungsaustausch statt. In der städtischen Mitarbeiterzeitung wird zudem regelmäßig über aktuelle Themen zur "Fairen Beschaffung" berichtet, die Dienstanweisung wurde erst im Frühjahr 2011 überarbeitet und zur besseren Übersicht stellte das Agenda-Büro ebenfalls im Jahr 2011 Listen zu Siegeln und Bezugsquellen für die einzelnen Produkte der Dienstanweisung zusammen.

Fairtrade-Blumen

Um auf Fairtrade-Blumen aufmerksam zu machen wurden 2010 anlässlich der Fairen Woche Blumen "fair-schenkt". An einem Stand in einem Biosupermarkt verschenkte das Agenda-Büro in Kooperation mit der Stadtgärtnerei fair gehandelte Rosen. Fairtrade-Schultüten für Schulanfänger/-innen übergab der Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg Dr. Eckart Würzner bei der Einschulungsfeier einer Grundschule. So konnten die Erstklässler/-innen gleich am ersten Schultag zusammen mit ihren Familien fair gehandelte Produkte probieren und ihre Qualitäten entdecken.

Unter dem Slogan "Globalisierung zum Anfassen – Schnäppchenjagd weiter denken…" wurde vom Eine-Welt-Zentrum Heidelberg für Schulklassen zum Thema Textilien, deren Herstellung und Verarbeitung ein Angebot entwickelt. In Gruppen dürfen die Schüler/-innen ab der 5. Klasse anschaulich erleben, wo, wie und unter welchen Bedingungen ihre Kleidung produziert wird. Ziel des Projektes ist es, Kinder und Jugendliche für globale Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Süden wie im Norden zu sensibilisieren und konkrete Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Zahlreiche weitere Bildungsangebote wie Themenkoffer mit Erlebniseinheiten für Schulklassen oder KITA-Gruppen sowie Fortbildungen für Erzieherinnen oder Lehrkräfte bietet der Weltladen in Heidelberg an. Den größten Teil der Bildungsarbeit macht dabei das Angebot an Bildungseinheiten zu globalem Lernen aus. Lehrkräfte kommen mit ihren Schulklassen in den Weltladen und erleben hier eine Bildungseinheit zu Fairem Handel rund um ein bestimmtes Thema wie "Schokolade" oder "Orangensaft".

Umwelt.plus.karte

Die Umwelt.plus.karte (upk) ist eine Kundenkarte, mit der in Heidelberg zu günstigen Konditionen nachhaltige Produkte und Dienstleistungen bezogen sowie interessante kulturelle Angebote genutzt werden können. Die Karte, die seit 2003 existiert, ist für 15 Euro jährlich erhältlich. Durch die Karte erhalten die Kunden bei den beteiligten Geschäften – vom Naturkostladen/Weltladen über den Handwerksbetrieb bis hin zur kulturellen Einrichtung – Preisnachlässe zwischen drei und zehn Prozent und/oder sonstige Serviceleistungen. Kartenbesitzer/-innen sparen nicht nur Geld, sondern leisten auch einen persönlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. Die beteiligten Partner müssen Nachhaltigkeitsrichtlinien einhalten, dabei spielen ökologische und soziale Kriterien ebenso eine Rolle wie kulturelle Aspekte und der faire Handel mit Entwicklungsländern. Außerdem werden so der örtliche Einzelhandel, regionale Produkte und die lokale Kultur unterstützt. Bislang machen rund 1.300 Kunden und mehr als 80 Anbieter bei diesem innovativen System mit.

Vorbild für die ganze Stadt

Der Faire Handel hat in Heidelberg eine lange Tradition und wird bereits in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens seit langem gelebt. Diese Tradition hat mit der Gründung des Weltladen-Altstadt begonnen, der dieses Jahr 35-jähriges Jubiläum feiert, so dass mit und dank dieser Gründung sich auch die Stadt über 35 Jahre Fairer Handel in Heidelberg freuen kann.

Die Heidelberger Stadtverwaltung will mit ihren Standards zu einem nachhaltigen Beschaffungswesen als Vorbild dienen und noch mehr öffentliche Einrichtungen, Organisationen, Vereine, Einzelhandel, Schulen und Kindertagesstätten zum Mitmachen animieren. Hierzu steht die Stadt Interessierten mit Rat und Tat zur Seite. So werden bis heute bereits in neun Schulen, fünf Kirchengemeinden und fünf Vereinen Fairtrade-Produkte angeboten. Wie gezeigt wirkt Heidelberg zudem bei vielen Projekten und Aktionen rund um das Thema "Fairer Handel" mit. Seit 2004 beteiligen sich zudem zahlreiche Akteure, insbesondere die Weltläden der Stadt, an der bundesweiten Fairen Woche. Hierzu wird ein eigenes Programm mit Veranstaltungen in Heidelberg angeboten.

Die Auszeichnung Heidelbergs als Fairtrade-Town im Juni 2010 zeigt, dass die Stadt auf einem guten Weg ist, nachhaltige Beschaffung auf eine breite Basis zu stellen. Heidelberg ist nach Rottenburg die zweite Stadt, die in Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde, und gehört damit zu den 800 Fairtrade-Towns weltweit.


Sabine Lachenicht